Zeitzeugen VI


Wie bereits festgestellt, hatte Josef Köhler kein Abitur, oder er konnte das Kriegsabitur (Notabitur) nicht nachweisen. Dies führte dazu, dass er vor Beginn eines Studiums das Abitur nachholen, oder wie damals möglich, eine Begabtenprüfung ablegen musste.
Josef Köhler stellte sich im Juli 1950, an der Arbeiter- und Bauernfakultät (ABF) der Karl-Marx-Universität Leipzig (KMU), den schriftlichen und mündlichen Prüfungen und erreichte die Gesamtnote „Befriedigend“. Mit Schreiben der Arbeiter und Bauern Fakultät (ABF) vom 07.07.1950 wurde er zum Studium an der Karl-Marx-Universität Leipzig, Fakultät Slawistik, zum Studium zugelassen und wurde für das Herbstsemester 1950 immatrikuliert. Nach den Unterlagen und späteren Aussagen von Josef Köhler, studierte er die russische Sprache, Elsbeth Krüger, seine Lebensgefährtin, behauptet 1964 jedoch, dass er Russisch und Chinesisch lernte. 1988 bestätigte Josef Köhler dies indirekt.

Vom September 1950 bis Oktober 1951 war ich an der Universität Leipzig für Slawistik und Sinologie ordentlich immatrikuliert und bin auch meiner Studienpflicht nachgekommen.

In verschiedenen Dokumenten die Rede von gesellschaftlicher Arbeit. Dazu muss bemerkt werden, dass Josef Köhler im Herbst 1949, nach Ablauf der Kandidatenzeit, Mitglied der SED geworden ist. Der genaue Termin ist mir nicht bekannt, er erhielt aber das Mitgliedsdokument Nr. IV/2055941 und war während des Studiums Mitglied der Parteiorganisation Uni, Phil.I. Nach einigen Dokumenten arbeitete er auch in der SED-Stadtbezirksleitung (Leipzig) 81/82 aktiv mit. Hier ist die Rede von einem Genossen Montag, der später beim Zentralkomitee der SED arbeitete und von einem Gen. Heinz Kucharski, der später abgesetzt wurde weil sein Bruder beim RIAS arbeitete.
Am 12. April 1951 wurde vom Rat der Stadt Leipzig, Ermittlungs- und Vollzugsamt, ein Ermittlungsverfahren gegen Josef Köhler eingeleitet. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass der Auftrag korrigiert wurde, ursprünglich war der Familienname Keller eingetragen. Zufall kann dies nicht sein, ergibt sich aber logisch wenn man die russische Schreibweise des Namens „Келер“ [Keler] zur Grundlage nimmt. Daraus folgt voraussichtlich eine Auftragserteilung von Seiten der sowjetischen Organe.
Am 07.06.1951wurde Josef Köhler von der Abt. VIII des MfS in Berlin (Tieckstrasse), auf offener Straße verhaftet und den sowjetischen Behörden übergeben.
Das in diesem Artikel eingefügte Bild zeigt Josef Köhler in dieser Zeit mit Kollegen oder Freunden, die ich noch nicht identifizieren konnte.
Von großem Interesse wären für mich Informationen zu den im Artikel genannten Personen wie Gen. Montag, Heinz Kucharski, Elsbeth Krüger und zu der Fakultät Slawistik und Sinologie, dort besonders zu Prof. Olesch. Ebenso natürlich sind Informationen zu den genannten Geschehnissen für mich von großem Interesse. Es wäre auch wichtig zu erfahren, ob am 07.06.1951 mehrere Personen unter den gleichen Umständen verhaftet wurden.

Zeitzeugen V

Josef Köhler wurde am 23.9.48 aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft entlassen.
Da er sich bereits während der Gefangenschaft für den Dienst (3jährige Dienstzeit) bei der Deutschen Volkspolizei (DVP) verpflichtet hatte, wurde er nach der Heimkehr sofort in deren Reihen aufgenommen. Ebenso wurde er nach seiner Heimkehr Kandidat der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED).
Nach einem 14-tägigen Urlaub, den er eventuell bei seinen Eltern in Thüringen verbrachte, wurde er bei der 1. Volkspolizei Bereitschaft eingesetzt. Über die Vertreibung aus Fleyh und den weiteren Werdegang seiner Eltern habe ich hier berichtet.
Da er keine eigene Wohnung hatte, kam er bei der Familie Hunger (Heinz?) in der Lindenthaler Str. 57 (Leipzig-Gohlis) unter
Über seinen Dienst bei der DVP schreibt er in einem Lebenslauf von 1950:

Am 23.9.48 wurde ich aus der sowjetischen Gefangenschaft entlassen und in den Bestand der Volkspolizei versetzt.
Vom 23.9.48 bis 20.10.48 war ich Gruppenführer in der 1. Polizei-Abteilung [Bereitschaft, T.K.]
Vom 20.10.48 bis 20.12.48 war ich Dolmetscher bei der Landesverwaltung der Polizei in Dresden.
Vom 20.12.48 bis 1.7.49 war ich bei der Kriminalpolizei (Abt. Fahndung) in Leipzig.
Vom 1.7.49 bis 20.12.49  arbeitete ich als stellvertretender Leiter der Abteilung zur Registrierung ehemaliger Offiziere der deutschen Wehrmacht.
Seit dem 20.12.49 arbeite ich als 2. Stellvertreter des Leiters des Sekretariats der Kriminalpolizei in Leipzig.

In anderen Dokumenten wird von einer Tätigkeit bei der Abteilung 4 der Kriminalpolizei (K)  (Wiedereinsetzung ehemaliger Nazi- wirtschaftsspezialisten) als stellvertretender Abteilungsleiter, ebenso aber von einer vermuteten Tätigkeit bei der K 5 (Vorläufer des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR) gesprochen. Diese Angaben sind aber unbestätigt.
Problematisch ist der Umstand, dass die Personalakten bereits in den 80ern mikroverfilmt wurden. Dabei wurden nur die damals als wichtig erscheinenden Akten verfilmt, der Rest wurde vernichtet.
Wahrscheinlich im Laufe des Jahres 1949 lernte er Frau Elsbeth Krüger kennen. Die beiden verliebten sich und zogen später auch zusammen. Frau Krüger ist nach meinen Erkenntnissen ebenfalls 1923 geboren und wohnte in Leipzig (Anger-Crottendorf), Wiebelstrasse 9. Es kann sein, dass sie verwitwet oder geschieden war denn auf einem Dokument wird sie als „geb. Hening (?)“ bezeichnet. 1964 gibt sie bei einer Vernehmung zu Protokoll, dass sie damals Heiratsabsichten hatten.
Am 13.03.1950 stellte er den Antrag auf vorzeitige Kündigung des Dienstverhältnisses. Er begründete dies mit seinem Wunsch ein Studium aufzunehmen. Diesem Antrag wurde stattgegeben. Mit Wirkung vom 01. April 1950 endete seine Dienstzeit bei der DVP.
Ein Nachtrag noch zum Artikel Zeitzeugen IV. In späteren Unterlagen werden Auskunftspersonen benannt, die er wahrscheinlich aus der Kriegsgefangenschaft kannte. Ich führe diese hier auf weil es natürlich möglich ist, dass er diese Personen erst während seines Dienstes bei der Polizei kennen lernte.
Diese Personen sind: Steinmeyer, Willy (Volksbildungsministerium der DDR), Schmidt, Heinz (Außenministerium der DDR) und Volkspolizeirat Bamheuer, Hans (Ministerium des Innern der DDR). Ebenso taucht hier erstmalig der Name Kriwow (Schreibweise unklar) auf, dieser war ein sowjetischer KGB-Offizier (damals noch MGB).
Über Informationen zu den genannten Ereignissen, Institutionen und Personen wäre ich sehr erfreut.

Zeitzeugen IV

Ab Januar 1946 ist der Aufenthalt von Josef Köhler in den Teillagern des Kriegsgefangenenlagers 7190 – Wladimir dokumentiert. Die Archivauskunft des FSB, Briefe von Kameraden wie H. Pochert und Hans Mahr und die Bücher von Mischket Liebermann und Heinrich Gerlach bestätigen dies. Auch das Büchlein „Erinnerungen“ kann man als Quelle benutzen. Dort sind Eintragungen von Kameraden, Gedichte, Zeichnungen und Berichte über die Kulturarbeit enthalten. Eine Namensliste aus diesem Büchlein habe ich bereits veröffentlicht.
Hier nochmals eine kurze Zusammenfassung der Zeit in den Lagern, die sich aus seinen eigenen Angaben ergibt.

1. Januar 1946 bis Anfang 1947 –  Leiter der Produktionsabteilung der Lagerverwaltung, Lager 7190/I
2. Anfang 1947 bis Mitte 1948 – Lager 7190/III Dolmetscher bei der Untersuchungskommission für Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Bataillonsführer
3. Mitte 1948 bis September 1948 – Leiter Sammellager 7190/V

Geht man von den Poststempeln der Karten aus der Kriegsgefangenschaft aus, so lässt sich der Aufenthalt in den Teillagern 7190/I, 7190/III und 7190/XII belegen.
Für die in Punkt 1 genannte Tätigkeit gibt es nur eine Bestätigung. Heinrich Gerlach schreibt über ihn, mit dem Pseudonym „Jupp Tröger“ benannt, in seinem Buch „Odyssee in Rot“:

Ein junger Mann in Zivil. Brauner Anzug aus Arbeitsdiensttuch, schwarze Halbschuhe, Schlips und Kragen. Darüber ein gebräuntes Gesicht, ein schwarzes Bärtchen auf der Oberlippe. Ein verblüffendes Double des Otto von Habsburg, des verhinderten Kaisers. Sudetendeutscher.[…] Jupp Tröger war, so viel wußte man schon, war als Arbeitseinsatzleiter vielleicht der mächtigste Mann im Lager. Er vergab die Arbeitsplätze. Die guten und die schlechten. Und die ganz schlechten, die viehischen in den Knochenmühlen, so etwas gab es. Er war Herr über Tod und Leben. Er allein überblickte alles, die russische Lagerleitung war ohne ihn hilflos. Mit den Sowjetoffizieren in der Budka sprang er um wie mit Rekruten.

Die Tätigkeit als Dolmetscher für Punkt 2. lässt sich nicht genau belegen, aber laut dem Brief von H. Pochert war er tatsächlich Bataillonsführer.
Zu 3. gibt es noch keine Erkenntnisse, das von ihm genannte Sammellager konnte nicht identifiziert werden.
Angaben über die Kulturarbeit habe ich bereits in verschiedenen Artikeln gemacht, auf die ich hier verweisen möchte. Auch der briefliche Kontakt zur Ruth Langhammer ist dort angeführt.

Ein Detail noch aus dem Jahre 1947. Unter der „Ode an die Sommernacht“ im Büchlein „Erinnerungen“ steht unter dem Datum 18. bis 19.August 1947 eine Adresse.

Москва 130, Ленингр. Шоссе, Село Никольское Дом 1, А. Синовева

[Moskau  /30  [oder 130], Leningrader Chaussee, Dorf Nikol’skoye, Haus 1, A. Sinowewa]
Am 27. August 1947 schrieb Josef Köhler an seine Eltern:

Ich hatte vorige Woche die Gelegenheit mir die russische Hauptstadt anzusehen, und war dort einige Tage. Es ist eine wunderbare Stadt, groß und schön, es reicht leider auf dieser Karte der Platz nicht aus um ausführlich darüber zu schreiben. Aber ich kann verstehen, warum das Wort „Moskau“ für jeden Russischen Menschen ein heiliger Begriff ist.

Es wäre natürlich aufschlussreich, zu erfahren warum ein Kriegsgefangener einen „Kurzausflug“ nach Moskau machte und was sich hinter dieser Adresse verbirgt.
Am 10 September 1948 wurde Josef Köhler aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft entlassen, kam über Fürstenwalde/Spree zurück in die Sowjetische Besatzungszone. Er ging nach Leipzig und begann dort seinen Dienst bei der Deutschen Volkspolizei, zu dem er sich bereits in der Kriegsgefangenschaft verpflichtet hatte.